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Patrizier IV


Review: PC (getestet)

Seit einer gefühlten Ewigkeit hat es keine anständige Handelssimulation mehr für den PC gegeben. Doch für alle Krämerseelen und Pfeffersäcke in spe hat das Warten jetzt ein Ende: Publisher Kalypso hat sich des sträflich vernachlässigten Genres angenommen und mit “Patrizier IV” die Neuauflage eines Klassikers auf den Markt gebracht. Entwickelt wurde das Spiel von dem aus Ascaron hervorgegangenen Studio Gaming Minds; das Team um Creative Director Daniel Dumont hat zuletzt an “Port Royale 2” und “Patrizier II“ gearbeitet. Und wer sich jetzt wundert, warum das neue “Patrizier” nicht “Patrizier III” heißt: unter diesem Namen wurde der zweite und bislang letzte Teil der Reihe inklusive Add-on international vermarktet – folglich läuft die Fortsetzung unter dem Namen “Patrizier IV” bzw. “Patrician IV” aus.

Mit “Patrizier IV” will Gaming Minds das Genre nicht neu erfinden. Vielmehr besinnen sich die Entwickler auf die Stärken des Vorgängers, allen voran das ausgeklügelte Handelssystem. “Patrizier IV” ist also ebenso sehr eine zeitgemäße Neuauflage wie eine Fortsetzung, bei der sich vor allem optisch einiges getan hat. Die Stadtansichen präsentieren sich jetzt in schicker, frei dreh- und zoombarer 3D-Grafik. Sieht schön aus, ist allerdings eher nebensächlich. Denn letzten Endes sind die Städte im Spiel ja nur grafisch aufbereitete Menüs, die Gebäude repräsentieren die einzelnen Menüpunkte. Eine der viel wesentlicheren Neuerungen ist etwa, dass das Handlesfenster massiv entschlackt wurde. Statt den zahlreichen Buttons gibt es jetzt praktische Schieberegler, mit denen sich nach einer kurzen Eingewöhnungszeit bequem Waren an- und verkaufen oder vom Schiff ins Kontor verschieben lassen. Aber der Reihe nach...

Angebot und Nachfrage

In “Patrizier IV” tritt der Spieler als aufstrebender Händler im 14. Jahrhundert – der Blütezeit der Hanse – an, um die Städte der Nord- und Ostsee mit Waren zu beliefern und nach und nach ein Handelsimperium zu errichten. Von London im Westen bis zum russischen Novgorod im Osten, vom norwegischen Bergen ganz im Norden bis zur südlichsten Stadt Köln reicht das Gebiet, in das wir unsere  Flotte entsenden können; später ist es sogar möglich, Expeditionen in den Mittelmeerrraum zu schicken, um dort wertvolle Gewürze zu erwerben.



Anfangs besitzt man gerade mal ein Schiff und ein Kontor in seiner Heimatstadt. Das ist in der Kampagne – in der unser Onkel uns mit gutem Rat zur Seite steht und uns immer wieder neue Missionsziele vorgibt – Lübeck, im freien Spiel eine beliebige der zunächst 20 Städte. Im Laufe der Jahre können sogar neue Siedlungen entstehen, auch und vor allem durch die tatkräftige Unterstützung des Spielers, bis man irgendwann bis zu 32 potentielle Abnehmer für seine Waren hat.

Welche Produkte man wo kauft und verkauft, hängt in erster Linie davon ab, welche Mengen der jeweiligen Waren in den einzelnen Städten vorhanden sind. “Patrizier IV” verfügt über ein autarkes Handelssystem, in dem nur die Waren zur Verfügung stehen, die im Spiel produziert werden. Jede Stadt stellt vier bis fünf Güter her, die sie dann meist recht günstig zum Kauf anbietet. Knappe Waren kann der Spieler dagegen teuer absetzen. Die Preise richten sich nach Angebot und Nachfrage, wie in einem realen Wirtschaftssystem. Die eherne Grundregel des Händlerdaseins in “Patrizier IV” lautet also: billig einkaufen, teuer verkaufen. Wer etwa in Lübeck startet, zahlt dort die besten Preise für Salz, das in der Stadt produziert wird. Ein Stückchen weiter im Norden, im dänischen Aalborg, wird das regelmäßig benötigt, um Fleisch zu pökeln. Die hohe Nachfrage sorgt für hohe Preise und die ersten Gewinne für den Spieler. Zudem ist Aalborg die einzige Stadt in der Hanse, die Fleisch produziert, das wiederum in Lübeck und anderen Städten teuer verkauft werden kann.



Aus eigener Herstellung

Wer eine Stadt regelmäßig mit benötigten Waren beliefert, macht dadurch nicht nur einen ordentlichen Reibach, sondern steigt auch im Ansehen der Bevölkerung. Im Spiel wird das durch einen Prozentwert angezeigt. Ist das Ansehen hoch genug, kann man auch in weiteren Städten Kontore errichten und bei der Gilde das Recht erwerben, eigene Produktionsstätten zu bauen. Sobald die Stadt genügend Baumaterial zu Verfügung hat – und natürlich liefern wir das benötigte Holz und die Ziegel auch gerne selbst – steht der eigenen Herstellung von Waren nichts mehr im Weg. Wir müssen höchstens noch Wohnhäuser errichten, damit die Arbeiter in unseren Betrieben auch ein Dach über dem Kopf haben.



Die produzierten Güter wandern in unser Kontor, wo wir sie jederzeit zum Weiterverkauf an andere Städte abholen können. Früher oder später wird man dazu übergehen, die Umverteilung der Waren automatisch erledigen zu lassen. “Patrizier IV” bietet die Möglichkeit, äußerst funktionale Handelsrouten einzurichten. Je nach Vorgaben be- und entladen wir unser Schiff im eigenen Kontor oder weisen unseren Kapitän an, Waren bis zu einem festgelegten Preis einzukaufen bzw. ab einem festgelegten Preis zu verkaufen.



Auch einen Lagerverwalter können wir einstellen, der sich selbständig um den An- und Verkauf von Waren im Kontor kümmert. Das ist praktisch, weil der gute Mann genau dann zuschlägt, wenn etwa ein KI-Händler gerade eine Lieferung einer bestimmten Ware an die Stadt verkauft hat und – wegen des aktuell großen Angebots – die Preise niedrig sind. Oder wenn die Stadt die tägliche Eigenprodukton in der Markthalle zum Verkauf anbietet.

Zoon Politikon

Die Spielwelt von “Patrizier IV” ist in acht Regionen unterteilt, die jeweils von einem Landesfürsten regiert werden und in denen jeweils ein vom Spiel gesteuerter Händler tätig ist. Wie der Spieler selbst kaufen, verkaufen und produzieren die Konkurrenten Waren und beeinflussen damit die Preise am Markt.

Zu Beginn sind die KI-Händler auch die Bürgermeister in ihren jeweiligen Städten. Sie genießen ein hohes Ansehen bei der jeweiligen Bevölkerung, doch früher oder später sollte man versuchen, ihnen den Rang als beliebtester Händler abzulaufen. Denn mit wachsendem Handelsimperium und einer immer größer werdenden Anzahl von Schiffen, Kontoren und Arbeitern steigt der Spieler auch innerhalb der Gilde im Rang auf, wird vom Krämer zum Kaufmann, vom Kaufmann zum Fernkaufmann, dann zum Großhändler und darf sich irgendwann Ratsherr und Ratsmeister nennen. Bereits als Ratsherr kann man die poltischen Entscheidungen seiner Stadt beinflussen und mitentscheiden, ob beispielsweise die Werft ausgebaut oder eine Universität errichtet werden soll, in der man anschließend neue Schiffstypen neben Schnigge, Kraier und Kogge erforschen kann. Als Ratsmeister schließlich ist man berichtigt, für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren. Die Wahl findet einmal pro Jahr statt, und hier zahlt es sich aus, der beliebteste Händler seiner Stadt zu sein – nur dann wird man nämlich gewählt. Wer das Amt inne hat, kann fortan die Geschicke der Stadt mitbestimmen und etwa eine Erweiterung der Stadtmauern anordnen.



Hungersnot und Dürre


Neben Angebot und Nachfrage bestimmen in “Patrizier IV” auch andere Faktoren das Tagesgeschäft des Ankaufs und Verkaufs von Waren. Ereignisse wie eine Hungersnot, ein Feuer oder ein Dürre können die Verfügbarkeit von Gütern nachhaltig beeinflussen. Wer eine Stadt dann etwa mit dringend benötigtem Getreide versorgen kan, macht nicht nur einen dicken Batzen Gewinn, sondern legt auch deutlich im Ansehen bei der Bevölkerung zu.

Man kann jedoch auch selbst für eine Hungersnot in einer Stadt sorgen. Im späteren Spielverlauf kommt es immer wieder vor, dass der Landesfürst einen Gefallen vom Spieler erbittet – er fordert Geld, Waren, oder legt einem Nahe, eine verfeindete Stadt in die Knie zu zwingen, indem man dort die besagte Hungersnot auslöst. Das erreicht man, indem man auf dem Markt schlicht jedes einzelne Fass Getreide aufkauft, natürlich zu horrenden Preisen.



Auch im Rathaus oder der Taverne einer Stadt kann man zwischen verschiedenen Aufträgen wählen, die von Termingeschäften bis zur Bereitstellung eines Schiffskonvois reichen, mit dem der dubiose Auftraggeber unter der Totenkopfflagge anschließend eine Stadt tyrannisiert.

Piraten!!!


Der Spieler kann sogar selbst einen Konvoi auf Kaperfahrt schicken. Oder er bewaffnet seine Schiffe, um die KI-Piraten, die früher oder später in der Hanse ihr Unwesen treiben, dingfest zu machen.

Die Seeschlachten laufen in Echtzeit ab, steuern sich aber relativ simpel. Einfach ein gegnerisches Schiff ankicken, vielleicht noch einen von drei Munitionstypen auswählen, das wars. Ganz ehrlich, auf diese Feature hätten die Entwickler gut verzichten können – es schadet allerdings auch nicht, da man die Gefechte auch automatisch berechnen lassen kann.
Schön dagegen ist, dass die Piraten auch Teil des geschlossenen Systems von “Patrizier IV” sind. Sie werden im Laufe der Zeit immer stärker, und wenn sie einmal ein unbewachtes Schiff des Spielers überfallen und Waren erbeutet haben, kann man ihnen genau diese Waren nach einer erfolgreichen Jagd wieder abknüpfen.



Fazit: “Patrizier IV” ist ein komplexe Handelssimualtion, wie es sie heute nur noch sehr elten gibt. Fans des Genres sollten also unbedingt zugreifen. Außerdem sind es Spiele wie “Patrizier IV”, die entgegen aller Unkenrufe dem PC seine Berechtigung als Gaming-Plattform geben – denn auf der Konsole wären selbst die äußerst übersichtlichen und funktionalen Menüs dieses Spiels kaum zu handhaben. Zu guter Letzt haben Kalypso und Gaming Minds bereits bewiesen, wie sehr ihnen die Community am Herzen liegt: bereits einen Tag nach Release gab es ein stattliches Content Update, mit dem unter anderem die Grafik des Spiels nochmal aufgehübscht, neue Auftragstypen und neue Features wie Hochzeiten implementiert wurden. Und laut Hersteller wird man auch weiterhin eifrig daran arbeiten, das Spiel immer weiter zu optimieren.

 

Geschrieben von: Alex Praxl am 07.09.2010
Leserwertung: 





  

Positiv

  • ausgeklügeltes Handelssystem
  • funktionale und übersichtliche Menüs
  • politische Einflussnahme

Negativ

  • langweilige Seeschlachten
     
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