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Dragon Age II (Review)


Ach, das waren noch Zeiten. Damals, als es in Rollenspielen für so ziemlich jeden Gegenstand, den man finden konnte, ein nettes, kleines Icon im Inventar gab, man sich von der Spielwelt – wenn man sie schon in einzelnen Häppchen präsentiert bekam – doch wenigsten auf einer schön gestalteten Landkarte ein Bild machen konnte und es in den Kämpfen auf Taktik statt Reflexe ankam. Als man die Hauptrolle in einer epischen Geschichte spielte, die durch eine Vielzahl abwechslungsreicher Schauplätze führte; einer Geschichte um Verrat und Königsmord vielleicht, um menschliche Hybris und eine große Bedrohung, die sich wie ein Schatten über alles legte. Ja, das waren noch Zeiten. Damals... 2009? „Damals“ bei „Dragon Age: Origins“!

Jetzt haben BioWare und EA „Dragon Age II“ veröffentlicht, und im Nachfolger hat ganz offensichtlich der Mass Effect Ferelden erfasst. Zahlreiche Spielelemente, die eingefleischte Rollenspieler an ihrem Lieblingsgenre so schätzen – soziale Talente etwa, Crafting oder Looting – wurden gestrichen oder zumindest stark vereinfacht, leicht zugängliche Action und die – gewohnt souveräne – Inszenierung der Dialoge dafür in den Mittelpunkt gerückt. Zwar ist bei weitem nicht alles schlecht nach der Entschlackungskur, aber gerade am Anfang ist das vermeintliche Fantasy-Epos weit weniger episch als der Vorgänger. „Dragon Age II“ braucht 10 bis 20 Spielstunden, bis es sein volles Potential entfaltet. Nur, wer über eine lange Strecke von austauschbaren Nebenmissionen in den immer gleichen Arealen, die unpraktische Inventarverwaltung oder die sperrige Steuerung in den pausierten Phasen der Kämpfen hinwegsieht, wird schließlich die besten Momente des Spiels erleben. Denn am Ende gelingt es BioWare doch wieder, große Gefühle zu erzeugen: man empfindet Sympathie für die Figuren des Spiels, lernt die Antagonisten hassen und ist stolz, wenn man sich mit seinem Charakter vom Flüchtling zum Champion von Kirkwall hochgearbeitet hat.

Fluchtinstinkt

Aber der Reihe nach: „Dragon Age II“ beginnt zeitgleich mit „Origins“, also genau in jenen dunklen Tagen, als die Darkspawn Ferelden überrennen. Der Spieler schlüpft in die Rolle des ältesten Sprösslings der Familie Hawke aus Lothering. Die Hawkes sind auf der Flucht vor den Darkspawn, nach Norden, nach Kirkwall, einen der Stadtstaaten in den Free Marches.



Geschlecht, Vornamen und Aussehen der Spielfigur darf man anfangs individuell festlegen, außerdem wählt man zwischen den Klassen Krieger, Magier und Dieb – die Attribute und Fähigkeiten bzw. Talentbäume, mit denen der Charakter startet, sind damit allerdings bereits festgelegt. Wer mag, kann zudem einen Spielstand aus „Dragon Age: Origins“ importieren, dementsprechend greift das Spiel immer wieder Ereignisse aus dem Vorgänger auf. Denn nach dem kurzen Prolog macht das Spiel erstmal einen Zeitsprung – es ist nicht das letzte Mal, dass „Dragon Age II“ sich dieses erzählerischen Mittels bedient. Ein Jahr später ist die Blight überstanden, der Held von Ferelden und die Grey Wardens in aller Munde und der Spieler gerade dabei, sich in Kirkwall einen Namen zu machen.

Botenjunge

Zunächst ist das die Geschichte von „Dragon Age II“: Hawke, seine Mutter und seine Schwester – beziehungsweise ihr Bruder, wenn man einen weiblichen Charakter spielt – versuchen, als Flüchtlinge in der Kirkwall Fuß zu fassen. Die Familie der Mutter war einst angesehen und besaß ein Anwesen in der Stadt, doch der versoffene Onkel hat das Erbe längst verzockt. Also ist es am Spieler, das nötige Kleingeld zu beschaffen, um den Familiensitz wieder zurückzukaufen. Im Laufe der Jahre gewinnt er an Einfluss und wird langsam in die politischen Geschicke seiner Wahlheimat verstrickt.

Ganz langsam. Denn bis der zentrale Handlungsstrang des Spiels endlich Fahrt aufnimmt, heißt es jeden Job anzunehmen, der auch nur ein paar lausige Münzen einbringt. Das Spiel hält in jedem der drei Akte eine Vielzahl von Nebenmissionen bereit – und wirkt dadurch künstlich in die Länge gezogen. Während man in „Origins“ von Anfang mit einer schier unaufhaltsamen Welle von blutrünstigen Kreaturen, dem Tod des Königs und einem Verrat in höchsten Kreisen konfrontiert ist, anschließend eine Armee aufstellt, um das Land zu verteidigenden, und nebenbei maßgeblich dazu beiträgt, wer als neuer Herrscher den Thron von Ferelden besteigt, erledigt man in „Dragon Age II“ Botengänge, sucht vermisste Personen oder arbeitet für die diversen Händler der Stadt. Episch ist das nicht, aber immerhin blitzen schon hier die ersten Anzeichen der beiden zentralen Konflikte des Spiels auf: zum einen geht es, wie schon in „Origins“ um die Probleme zwischen Magiern und Templern, zum anderen machen sich die Qunari in der Stadt breit. Ob die gehörnten Wesen als Eroberer gekommen sind, wie es eigentlich ihre Art ist, weiß zunächst jedoch niemand.



Am Rad drehen


Jede Mission beginnt mit einer hervorragenden Cut-Scene, die Dialoge sind mit  ihren authentischen Gesichtsanimationen und den hervorragenden Sprechern ein Höhepunkt von „Dragon Age II“.



Besonders die Quests der sieben Begleiter, die sich dem Spieler im Laufe der Zeit anschließen, können überzeugen. Nach und nach lernt man die Truppe kennen, nimmt sich – wie es sich für einen Helden gehört – ihrer Probleme an und beginnt vielleicht sogar eine Romanze mit einem der Begleiter.

Die Interaktion in den Gesprächen erfolgt über das aus „Mass Effect“ bekannte Dialograd, in dem man nicht ganze Sätze, sondern eher eine Haltung auswählt, mit der man seinem Gegenüber antworten will. Anschließend spricht die Spielfigur ihren vollvertonten Satz. Weil man die Dialogoptionen immer auf einen Blick vor sich hat, ergeben sich so dynamische Gespräche – sehr gut!



Deja-vu

Hat man einen Auftrag angenommen, wird er auf einer stilisierten Karte – oder besser Zeichnung – von Kirkwall angezeigt. Per Klick reist man in das entsprechende Stadtviertel oder in ein Gebiet im Umland. Die Anzahl der Schauplätze bleibt dabei allerdings arg überschaubar, und die kleinen, schlauchförmigen Areale selbst bestechen auch nicht gerade durch Liebe zum Detail, Artenvielfalt oder Abwechslungsreichtum. Was einen hier erwartet, ist so ziemlich das Gegenteil von einer offenen Spielwelt, man kann immer nur entlang der vorgegebenen Wege laufen. Das war schon immer so in BioWares Rollenspielen, aber die waren lange Jahre eben auch PC-Spiele. Statt seine Party indirekt aus einer isometrischen Perspektive zu steuern, wo man ganz selbstverständlich nicht außerhalb der vorgegebenen Pfade klickt, stößt man auf der Konsole durch die direkte Steuerung in der 3rd-Person-Perspektive immer wieder an Barrieren. Das nervt auf Dauer ungemein.

Hinzu kommt, dass sowohl Kirkwall als auch die – ohnehin nur drei – Regionen im Umland entsetzlich leer wirken. Gegner tauchen aus dem Nichts auf oder lösen sich nach einer Zufallsbegegnung auch schonmal in Luft auf, was insgesamt die Immersion in die Spielwelt nicht gerade begünstigt.

Der größte Fauxpas, den BioWare sich hinsichtlich der Spielwelt jedoch geleistet hat, ist das dreiste Dungeon-Recycling. Immer wieder ist man in ein und derselben Höhle unterwegs, und Kirkwall wurde ganz offensichtlich von nur einem Architekten und einem Inneneinrichter erbaut.

Hack and Slay

Trotz allem macht es erstaunlich viel Spaß, die Areale abzuklappern, auch wenn man meist wie mechanisch der Markierung auf der Minimap zum nächsten Missionsziel folgt. Denn die unausweichlichen Kämpfe sind sehr gut in Szene gesetzt und laufen ab, wie in einem astreinen Hack-and-Slay-Spiel. Buttonsmashing ist angesagt: für den Standardangriff aller drei Klassen drückt man den A-Button des Xbox-Controllers, die anderen drei Tasten lassen sich frei mit Spezialfähigkeiten der Charaktere belegen. Weil sich außerdem das Verhalten der Begleiter genau festlegen lässt – etwa „nutze einen Heiltrank, wenn dein Gesundheitswert unter 25 Prozent sinkt“ oder „nutze den Rundumschlag, wenn du von mehr als drei Gegnern angegriffen wirst“ – kann man „Dragon Age II“ theoretisch komplett in Echtzeit durchspielen.

In schwierigen Kämpfen gegen eine Übermacht oder einen Bossgegner ist es dennoch ratsam, mal eine Pause einzulegen und sich seine nächsten Aktionen genau zu überlegen. Es dauert allerdings eine Weile, bis man sich an das Radialmenü gewöhnt hat, mit dem Talente eingesetzt, Tränke geschluckt oder Zaubersprüche aktiviert werden.



Level Up


Der Lohn für erfolgreiche Kämpfe sind Erfahrungspunkte und neue Ausrüstung. Je nach Klasse stehen den Charakteren verschiedenen Talentbäume zur Verfügung, in denen man nach und nach neue Fähigkeiten freischaltet.

Während man auch die Begleiter ganz nach persönlicher Vorliebe – jedoch nur innerhalb der von Anfang an vorgegebenen Talentbäume – weiterentwickelt, sind viele Ausrüstungsgegenstände allein für Hawke bestimmt. Nur er kann Helme, Handschuhe und andere Rüstungsteile benutzen, für die die Begleiter findet man lediglich Upgrades für ihre jeweilige Rüstungen. Auch hier zeigt sich deutlich, dass BioWare sich mit „Dragon Age II“ an „Mass Effect“ angenähert hat.

„Dragon Age II“ ist – im Gegensatz zum Vorgänger – kein Spiel für Numbercruncher und Sammelwütige. Wer ein klassisches Rollenspiel in der Tradition früherer BioWare-Games erwartet, könnte enttäuscht werden. Ein schlechtes Spiel ist „Dragon Age II“ aber beileibe nicht. Wer die Wahl hat, sollte allerdings wegen der angesprochenen Probleme zur PC-Version greifen, denn durch die direkte Steuerung auf den Konsolen fallen die schlauchförmigen Areale doppelt auf. Und auch wenn es anfangs sehr lange dauert, bis „Dragon Age II“ Fahrt aufnimmt: es lohnt sich, am Ball zu bleiben, denn zum Ende hin spitzen sich die Ereignisse zu, die Story gewinnt an Qualität, und man kann schließlich auf zehn Jahre zurückblicken, in denen man es gemeinsam mit Hawke vom einfachen Flüchtling zu einem der angesehensten Bürger von Kirkwall geschafft hat.

 

Geschrieben von: Alex Praxl am 30.03.2011
Leserwertung: 





  

Positiv

  • hervorragende Dialoge
  • ausdrucksstarke Gesichtsanimationen
  • tolle Cut-Scenes
  • actionreiche Kämpfe

Negativ

  • schlauchförmige, wenig abwechlsungsreiche Areale
  • immergleiche Dungeons
  • gewöhnungsbedürftige taktische Steuerung
  • abgespecktes Inventar
  • seltsamer Hall in den Stimmen
     
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