Sie befinden sich hier:  Startseite / Artikel / Allgemein
Artikel (Review)

Tropico 4 (Review)


El Presidente ist zurück, und obwohl er auf den ersten Blick ganz der Alte geblieben ist, hat der wahrscheinlich sympathischste Diktator der Welt für die kommende Amtszeit nochmal das ein oder andere Politik-Seminar belegt und der Diplomatenschule einen Besuch abgestattet. „Tropico 4“ präsentiert sich übersichtlicher und aufgeräumter als Teil 3, es läuft runder als der Vorgänger und bietet ein paar richtig gute, neue Features.

Zugegeben, „Tropico 4“ erfindet den „Diktaror-Simulator“ nicht neu – aber das kann ja auch niemand ernsthaft wollen! Die beiden Grundpfeiler des Spiels bleiben erhalten: Wie schon der erste Teil aus dem Jahr 2001 kombiniert „Tropico 4" komplexe Aufbaustrategie mit einer augenzwinkernden, selbstironischen Politsimulation. Die hübsche Grafik und die Mambo- oder Rumba-Klänge des Soundtracks verströmen dabei von der ersten Spielminute an wieder das typische Karibik-Flair.

Als Alleinherrscher einer aufstrebenden Bananenrepublik obliegt es dem Spieler, die Inselnation nach seinen Vorstellungen zu formen. Beziehungsweise – zumindest in den 20 Kampagnen-Missionen des Spiels – nach den Vorstellungen seiner Auftraggeber. Da will etwa ein mächtiger Industrieller eine Insel Tropicos zum Wirtschaftsstandort ausgebaut sehen; weil in diesem Szenario Rohstoffe jedoch knapp sind, muss der Spieler Kaffee oder Tabak importieren, anschließend in Konserven- respektive Zigarrenfabriken veredeln und die hochwertigen Güter wieder exportieren. In einer anderen Mission gilt es dagegen, möglichst viele Touristen auf ein idyllisches Eiland zu locken, auf dass sie ihre hart verdienten Dollars in den Hotels von El Presidente oder in einer der zahlreichen Touristenattraktionen ausgeben mögen.



Brot und Spiele

Unabhängig von Missionszielen, die sehr gelungen Abwechslung in die Kampagne bringen, müssen jederzeit die Grundbedürfnisse der Einwohner befriedigt werden: Man weist seine Bautrupps an, Maisfarmen oder Ranches zu errichten, um eine stetige Nahrungsmittelproduktion sicherzustellen, baut Wohnungen, eine Kirche, ein paar Bars und Restaurants, in denen die Tropicaner nach der Arbeit ausspannen können, und sorgt zu guter Letzt dafür, dass sich ein Arzt auf der Insel ansiedelt.



Während Rancharbeiter weder lesen noch schreiben können müssen, braucht man für die offene Stelle in der Klinik schon einen College-Absolventen. Solche Spezialisten kann man aus Übersee anheuern, was aber auf Dauer die Staatskasse arg belastete. Alternativ errichtet man eine Highschool und sogar ein eigenes College auf der Insel, wodurch die Bewohner Tropicos mit der Zeit selbst in der Lage sind, anspruchsvolle Jobs zu erledigen.

Etwa die Arbeit in einem Kernkraftwerk. Den Gipfel der Zivilisation erreicht man in „Tropico 4“, indem man der Insel eine eigene Stromversorgung angedeihen lässt. Ob man tatsächlich den Weg in eine strahlende Zukunft wählt und einen Atommeiler errichtet, die gute Tropenluft mit einem Kohlekraftwerk verpestet oder saubere, aber kostenintensive Windräder aufstellt, will dabei wohl überlegt sein. Die Bewohner Tropicos sind nämlich in politischen Gruppen organisiert:  Kommunisten möchten kostenlos wohnen, Kapitalisten möglichst viel exportieren, die religiöse Fraktion will beten, die Intellektuellen legen Wert auf Bildung und die Umweltschützer protestieren, wenn die Verschmutzung der Insel zunimmt. Wer es sich mit einer oder mehreren Gruppen verscherzt, läuft Gefahr, bei der nächsten Wahl einen starken Gegenkandidaten vorgesetzt zu bekommen. Denn auch wenn es selbstverständlich keine Alternative zu El Presidente gibt, meinen einige Tropicaner, regelmäßig freie Wahlen abhalten zu müssen. Demokratie nennen sie das, weiß der Teufel, wer ihnen diese Flausen in den Kopf gesetzt hat.

Wohlstand und Freiheit

Es sind die Bewohner der Insel, die „Tropico 4“ Leben einhauchen. Schon in den ersten Missionen der Kampagne wächst die Einwohnerzahl auf über 300, und El Presidente kennt jeden einzelnen seiner Untergebenen. Während die Tropicaner ihrem Tagwerk nachgehen, kann der Spieler sie jederzeit anklicken und erhält dann detaillierte Informationen zur Person. Name, Herkunftsland, besondere Vorlieben oder politische Gesinnung sind auf den übersichtlichen Karteikarten aufgelistet, auf einen Blick sieht man, wer mit wem verheiratet oder wessen Kind ist, und per Mausklick gelangt man ganz bequem zu den Wohnungen oder Arbeitsstätten der jeweiligen Bewohner. So kann man sofort feststellen, warum etwa ein unzufriedener Tropicaner gegen El Presidente protestiert – und anschließend entweder versuchen, die Ursache der Unzufriedenheit zu beseitigen, oder aber den unzufriedenen Bürger selbst.



Für den Überblick gibt es auch im neuen „Tropico“ den aus dem Vorgänger bekannten Almanach. Der listet beispielsweise alle Einwohner der Insel nach ihrem Alter,  ihrer Schulbildung oder ihrem Einkommen sortiert auf, zeigt die Zufriedenheit der Bevölkerung oder den Respekt an, den El Presidente bei den politischen Gruppierungen geniest. Neu ist die Übersicht über Importe und Exporte aus den bzw. in die fünf Regionen, mit denen man es in „Tropico 4“ außenpolitisch zu tun bekommt. Ja, fünf: neben den USA und der UdSSR kann man jetzt auch mit Europa, dem Mittleren Osten und China Handel treiben und diplomatische Beziehungen pflegen. Die Repräsentanten der Supermächte  treten  – genau wie die Vertreter der innenpolitischen Gruppierungen – immer wieder mit kleinen Aufträge an den Spieler heran. Dann fordert beispielsweise ein ebenso witzig gezeichneter wie vertonter Brite, die Außenhandelsbilanz mit Europa zu verbessern, oder ein sympathischer Ölscheich bittet um eine kleine Geldspende, weil der Geburtstag seiner Frauen ansteht – und weil als Dankeschön ein Kamel winkt, kann man ihm diesen Wunsch ja kaum abschlagen.



Eine weitere Neuerung in „Tropico 4“ ist das Kabinett, in das man fünf Bürger als Minister berufen kann. Erst wenn der jeweilige Posten besetzt ist, lassen sich die in sechs Kategorien unterteilten Edikte verabschieden, also Gesetzte, mit denen man die Innen-, Außen-, Verteidigungs-, Bildungs- und Wirtschaftspolitik seines Inselstaates regelt. Während die Einführung einer Sozialversicherung vor allem den Armen und Alten zu Gute kommt, profitiert El Presidente höchstpersönlich von den speziellen Baugenehmigungen, mit denen man die Baukosten sämtlicher Gebäude erhöht, aber einen Teil des Betrags auf einem privaten und nicht ganz legalen Schweizer Bankkonto gutgeschrieben bekommt.

Es ist die Mischung aus komplexer, ernsthafter Aufbaustrategie und einem sehr süffisanten Blick  auf die politische Zunft, die „Tropico“ von jeher ausgezeichnet hat. „Tropico 4“ ist bisher ganz eindeutig der beste Teil der Reihe. Die verzahnten Strukturen von Städtebau, Innenpolitik und Außenpolitik sind so nachvollziehbar wie noch nie, das Spiel läuft einfach rund, und man hat wirklich das Gefühl, die Geschicke jedes einzelnen seiner Untertanen lenken und aus diesen kleinen Rädchen ein großes Staatsgebilde formen zu können. Auch wenn die Formulierung abgedroschen ist: Wer „Tropico 3“ gemocht hat, wird „Tropico 4“ lieben – or else...

 

Geschrieben von: Alex Praxl am 01.09.2011
Leserwertung: 





  

Positiv

  • 20 abwechslungsreiche Missionen
  • Karibik-Flair
  • komplexe Aufbaustrategie...
  • ... die sich nicht allzu ernst nimmt
     
Lesen Sie auch folgende News dazu

Dein Name




Bitte beantworten Sie diese kleine Rechenaufgabe

Das Ergebnis aus:     =  


 


Affenclub.net |Koobi:CMS 7.25 © dream4® | Impressum | Bookmark and Share