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Deus Ex: Human Revolution (Review)


"Deus Ex" ist ein Spiel, in dem man sich so richtig schön verlieren kann; die vielbeschworene Immersion: "Human Revolution" erzeugt sie. Nicht zuletzt, weil es die gleichen Tugenden an den Tag legt wie das Original aus dem Jahr 2000. Es vereint eine stimmige Cyberpunk-Welt und ein Höchstmaß an spielerischer Freiheit mit etwas, das auch in der Wirklichkeit immer mit Freiheit einher geht: Verantwortung.

Denn "Deus Ex: Human Revolution" fordert den Spieler, statt ihm alles vorzukauen. Es gibt ihm die Freiheit, Aufgaben auf verschiedenste Arten zu lösen, überträgt ihm jedoch stets auch die Verantwortung, selbst zu entscheiden, wie er vorgeht.

Schleichen oder Schießen

Möglichkeiten gibt es viele. Als Spieler schlüpft man in die Rolle von Adam Jensen, dem Sicherheitschef des High-Tech-Konzerns Sarif Industries. Jensen wird bei einem Überfall auf seinen Arbeitgeber schwer verletzt und erwacht einige Monate später als veränderter Mensch aus dem Koma. Um sein Leben zu retten, haben die Ärzte einen halben Cyborg aus ihm gemacht, mit zwei künstlichen Armen, einer mechanischen Lunge und Netzhautimplantaten. Während Jensen noch mit seinem Schicksal hadert, stellt der Spieler schnell fest, wie praktisch die Augmentierungen sind. Er steht höchstens vor der Qual der Wahl, welche der biomechanischen Körperteile er im Folgenden - nämlich bei jedem Levelaufstieg - verbessert.



Die Augmentierungen erlauben es Adam Jensen, sich wie Batman aus der Luft auf seine Gegner zu stürzen oder sich kurzzeitig unsichtbar zu machen und Feinde in bester Sam-Fisher-Manier aus dem Hinterhalt zu meucheln. Wer mag, kann "Deus Ex: Human Revolution" allerdings auch als reinen Shooter spielen, wobei man sich dann das gut funktionierende Deckungssystem und die modifizierbaren Waffen ebenso zu Nutzen machen sollte, wie die Rüstungs- und Zielsystem-Augmentierungen.



Welch großen Einfluss die Charakterentwicklung auf die individuelle Spielerfahrung hat, zeigt das CUSIO-Implantat - der "Computerunterstützte Sozialinteraktions-Optimierer" bringt einen Hauch von "L.A. Noire" in "Human Revolution". In den rollenspieltypischen Dialogen, die man in "Deus Ex" mit zahlreichen NPCs führt, zeigt die Augmentierung ein psychologisches Profil des Gegenübers an. Wer das aufmerksam studiert, bekommt einen guten Eindruck davon, welche Dialogoptionen zu einem erfolgreichen Gesprächsausgang führen. Außerdem kann man an bestimmten Punkten noch Pheromone einsetzten - welches Pheromon funktioniert, zeigt das CUSIO ebenfalls während des Gesprächs an. Das Implantat macht die Dialoge mit einem Mal viel komplexer, weil man gleichzeitig lesen, zuhören und die Anzeige für die Pheromone im Auge behalten muss, und bringt eine völlig neue Ebene ins Spiel, die man nur kennenlernt, wenn man sich für diese spezielle Augmentierung entscheidet. Mit Sicherheit gibt es Spieler, die ihren Charakter anders leveln und während des gesamten Spiels nur die Standarddialoge kennenlernen. Auch das ist möglich - "Deus Ex" spielt jeder so, wie er will.

Genau das macht den Reiz des Spiels aus. Ob er als augmentierter Supersoldat oder lautloser Infiltrator vorgeht, Wachen bewusstlos schlägt oder sie mit Worten überzeugt, Schreibtische nach Passwörtern durchsucht oder Computer kuzerhand hackt, all das entscheidet der Spieler. Immer wieder aufs Neue muss er sich fragen, welche Vorgehensweise am ehesten zum Erfolg führt. "Deus Ex" stellt ihm lediglich ein Arsenal an Möglichkeiten zur Verfügung - was er daraus macht, ist Sache des Spielers.

Detroit, 2027

Am Besten ist "Deus Ex", wenn man in den so genannten City-Hubs unterwegs ist. Das sind zwar recht überschaubare, aber komplett frei zugängliche Gebiete, in denen das Rollenspielelement am deutlichsten zur Geltung kommt. Während man einen Großteil der Hauptmissionen in separaten Arealen absolviert, wobei die An- und Abreise per Cut-Scene erfolgen, kann man die City-Hubs frei erkunden. Hier trifft man auf NPCs, die sich mit ihren Problemen an Jensen wenden, erledigt Nebenmissionen oder verkauft Ausrüstung. Und hier entfaltet sich die dichte Cyberpunk-Atmosphäre des Spiels voll und ganz: enge, dreckige Straßen ohne Himmel, neonfarbene Reklametafeln, haushohe TV-Screens, die monumenalen Bauten der großen Konzerne und kleine Nudelbars, wie man sie aus "Blade Runner" kennt.



In Größe und Detaildichte sind die Hubs am ehesten mit dem großartigen PC-Rollenspiel "Vampire: The Masquerade - Bloodlines" vergleichbar, oder eben mit dem ersten "Deus Ex". Leider hat Eidos Montreal nur zwei dieser Gebiete ins Spiel integriert, Detroit und Hengsha. Zumindest ein drittes wäre schön gewesen. Montreal zum Beispiel. Die Stadt, in der "Deus Ex: Human Revolution" entwickelt wurde, besucht man während einer der Hauptmissionen, bekommt dort aber nur die Zentrale eines Fernsehsenders zu sehen. Das Gebäude verlassen kann man nicht, die Stadt bleibt Kulisse. Doch vermutlich ärgert es niemanden mehr als die Entwickler selbst, dass sie es nicht mehr geschafft haben, ihre Heimatstadt im futuristischen Look im Spiel zu verewigen.

Zu kurz ist "Deus Ex" ohnehin nicht - um die 40 Stunden dürfte man mit dem Spiel beschäftigt sein, wobei die Spielzeit mehr als bei anderen Games sehr stark davon abhängt, wie man spielt.

Es ist nicht alles Gold, was bersteinfarben glänzt

Perfekt ist "Deus Ex" ebenfalls nicht. Und auch mit einem dritten City-Hub wäre es das nicht. Man könnte etwa die teilweise nicht vorhandene Lippensynchronität anführen oder sich darüber auslassen, dass die Schleich- und Schießmechaniken recht gewöhnungsbedürftig sind.



Aber wenn man sich etwas mit dem Spiel auseinandersetzt, relativieren sich die Kritikpunkte schnell. Für die asynchronen Lippenbewegungen entschädigen gut geschrieben Dialoge und eine sehr gut gelungene deutsche Lokalisierung. Und was das Schleichen und das Schießen angeht: bald schon gehen einem diese beiden Tätigkeiten, mit denen man einen Großteil des Spiels verbringt, richtig gut von der Hand. Dann macht es sehr viel Spaß, durch die Gänge von Fabrikanlagen und Konzernzentralen zu schleichen, von einer Deckung zur nächsten, sich die Patrouillenwege von Wachen einzuprägen und sie im richtigen Moment lautlos auszuschalten - oder im richtigen Moment das Feuer zu eröffnen und es auf eine offene Auseinandersetzung ankommen zu lassen



Man muss diesem Spiel eben ein bisschen Zeit geben, seine Moves üben, geduldig sein und immer wieder überlegen, wie man am besten vorgeht - genau das macht "Human Revolution" aus. Je mehr man in das Spiel investiert, desto mehr bekommt man zurück. Nur wer sich die Mühe macht, jede E-Mail und jeden PDA zu lesen, und sich nicht von all den Namen der Personen, Behörden oder Konzerne abschrecken lässt, bekommt die ganze Story - und nur wer bereit ist, sich mit den vielseitigen Möglichkeiten, die die Augmentierungen bieten, auseinanderzusetzen, bekommt das volle Spiel.

Wie gesagt: "Deus Ex: Human Revolution" fordert den Spieler, statt ihm alles vorzukauen. Das macht es zu einem ganz außergewöhnlichen Spiel. "Human Revolution" ist vielleicht nicht der Meilenstein, der "Deus Ex" vor 11 Jahren war - aber es verdeutlicht, warum das Original so gut war, und schafft es, Erinnerungen an eines der besten Spiele aller Zeiten zu wecken.

 

Geschrieben von: Alex Praxl am 01.10.2011
Leserwertung: 





  

Positiv

  • Große spielerische Freiheit
  • Vielseitige Lösungsansätze
  • Gelungener Skilltree
  • Nützliche Augmentierungen
  • Atmosphärische City-Hubs
  • Gute deutsche Lokalisierung

Negativ

  • Schlechte Lippensynchronität
  • Teilweise langatmige Hauptmissionen
  • Nervige Bossgegner
     
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