Die Geschichte von Monkey Island
Vor zwanzig Jahren beschloss Guybrush Threepwood ein mächtiger Pirat zu werden. Ganz nebenbei startete er damit die wohl beliebteste Adventure-Serie überhaupt. Für uns Grund genug, einen Blick zurück zu werfen. Als am 28. Juni 2003 der Film 'Pirates of the Caribbean' in den Kinos anlief, war für viele "alteingesessene" Spieler klar, was sie da wirklich sahen: die inoffizielle Verfilmung der großartigen Abenteurer des jungen Haudegen, Möchtegern-Freibeuter und Schatzsuchers Guybrush Threepwood, Held des Adventures 'The Secret of Monkey Island' und dessen Nachfolger. Eigentlich leitete sich die Handlung eher von einer mittlerweile ziemlich alten Disneyland Attraktion ab, aber die Parallelen waren für viele unübersehbar. Kein Wunder, behauptete MI-Schöpfer Ron Gilbert doch selbst einst in einem Interview, dass ihm die Idee zu dem Spiel in just genau diesem Fahrgeschäft kam. Diese Aussage hat er längst gekippt, doch es zeigt, wie tief verwurzelt das Spiel in den Köpfen vieler Gamer ist.
Es war 1990, gerade erst hatte die Spieleschmiede Lucasfilm Games ihr aussergewöhnliches Adventure 'Loom' auf den Markt gebracht, als ein Team um Ron Gilbert, Tim Schafer und Dave Grossman den nächsten großen Wurf machte. Es war ein weiteres Abenteurerspiel, ausgestattet mit der komfortablen Scumm-Engine, jeder Menge Humor und Piraten. 'The Secret of Monkey Island' war sein Name, die Geschichte des jungen Guybrush Threepwood, der unbedingt Pirat werden wollte. Die Legende besagt, dass Gilbert partout kein Name für seinen Hauptcharakter einfallen wollte, worauf er er kurzerhand einfach den Dateinamen der Grafikabteilung (unter der Leitung von Steve Purcell) 'guy.brush' benutze. Guy ist das englische Wort für Typ, brush ein damals übliches Format des Programms Deluxe Paint. Diese Art des abstrusen Humors zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Spiel. An dreiköpfige Affen, Beleidigungs-Schwertkämpfe, Piranha-Pudel und Anspielungen an jeder Ecke war man damals noch nicht gewöhnt, und so begleitete das Spiel stets ein Hauch der Anarchie. Monkey Island wurde sofort zu einem Hit. Ein Jahr später erschien es hierzulande in einer komplett eingedeutschten Fassung. Verantwortlicher Übersetzer war Boris Schneider (heute Boris Schneider-Johne), der auch schon alle anderen Lucasfilm Adventures ins Deutsche übertragen hatte. Schneider-Johne dürfte auch heute noch vielen als Kult-Redakteur und 'Power Play' Mitbegründer bekannt sein. Lucasfilm Games machte mit Monkey Island vieles anders als sein damaliger Hauptkonkurrent Sierra Entertainment. So war es zum Beispiel nicht möglich zu sterben, während bei Sierra-Adventures am laufenden Band der Löffel abgegeben werden musste. Diese Tatsache wird sogar an einer Stelle im Spiel persifliert, wenn Guybrush eine Schlucht herunter stürzt. Es erscheint ein Sierra typisches Meldungsfenster, in dem der Tod des Helden verkündet wird. Ein Klick auf 'Laden', und Guybrush wird wieder hoch katapultiert - unten stand ein Gummibaum. Witziger weise ist es dennoch möglich Guybrush sterben zu lassen, indem man ihn zehn Minuten unter Wasser warten lässt. Schon ein Jahr später erscheint mit 'Monkey Island 2: LeChuck’s Revenge' der Nachfolger und bringt einige Neuerungen mit. Neben einer verbesserten Grafik wurde auch die SCUMM Oberfläche überarbeitet, statt Text bestehen Befehle und Inventar nun aus Bildern. Musik gibt es jetzt durchgehend, und das erstmals dank iMuse auch situationsabhängig veränderbar. Außerdem gilt es sich zu Beginn für einen von zwei Schwierigkeitsgraden zu entscheiden. Das hatte Einfluss auf Rätseldichte und Anzahl besuchbarer Orte, und erleichterte Adventure-Neulingen den Einstieg. Teil 3 setzt nahtlos an seine Vorgänger an, Guybrush konnte von Big Whoop entkommen und treibt einsam in einem Autoscooter über die Weiten des Meeres. Schon bald wird er in einem Kampf zwischen seinem Erzrivalen LeChuck und seiner Ex-Freundin, der Gouverneurin Elaine verwickelt, in dessen Verlauf er LeChuck's Schiff in die Luft sprengt und Elaine endlich einen Heiratsantrag macht. Doch auf dem fetten Diamantklunker, den er seiner Angebeteten auf den Finger steckt, lastet ein Fluch, der sie in eine massive Goldstatue verwandelt. Guybrush muss nun nicht nur ein Gegenmittel für den Fluch auftreiben, sondern auch seine Liebste wiederfinden, die natürlich prompt von Piraten gestohlen wurde. Obwohl sich auch dieser Teil sehr gut verkaufte und wieder einige Hit-Auszeichnungen einheimsen konnte, waren viele Fans der ersten Stunde enttäuscht und bemängelten eine gewisse Seelenlosigkeit. Das lag aber wohl eher am Weggang von Gilbert, denn sowohl Humor wie auch die Rätsel boten wenig Grund zu Kritik. Deutsche Spieler konnten sich außerdem an einer äußerst gelungenen Lokalisierung erfreuen, auch wenn es das witzige Piraten-Shanty aus Zeitgründen nicht in die deutsche Fassung geschafft hatte. Nach 'The Curse of Monkey Island' wurde es still um die Reihe, bis LucasArts im Jahr 2000 den vierten Teil ankündigte. 'Escape from Monkey Island' brach radikal mit der Point'n'Click Tradition der Serie, da diese nun angeblich nicht mehr zeitgemäß war. Stattdessen kleidete sich der neuste Teil nun in ein 3D-Gewand, basierend auf dem LucasArts Spiel 'Grim Fandango'. Guybrush wurde nun nicht mehr per Maus durch seine Abenteuer in der Karibik dirigiert, sondern mit den Pfeiltasten des Keyboards. Bei der Rückkehr aus den Flitterwochen muss Elaine feststellen, dass sie in Abwesenheit für tot erklärt wurde, und nun ein Kampf um den Gouverneursposten entbrannt ist. Natürlich hat wieder Erzschurke LeChuck seine Finger im Spiel. So muss Elaine deinen Abstecher zu ihren Anwälten machen, um ihr Leben, ihren Posten und ihr Anwesen zu sichern, während Guybrush sich derweil auf die Suche nach der ultimativen Beleidigung macht. Dieser Teil spaltete das Fanlager. Während die einen vor allem den scharfen Wortwitz lobten, der ihnen bei 'Curse' fehlte, bemängelten die anderen den ungewohnten Grafikstil und die Steuerung. Außerdem warfen sie dem neusten Teil vor, sich zu sehr am Mainstream zu orientieren. Die Spielezeitschriften vergaben zwar durchweg gute Noten, doch hagelte es diesmal keine Hit-Auszeichnungen. Auch die Verkaufszahlen erfüllten nicht ganz die Erwartungen des Publishers, so dass Kritiker das Ende der Reihe prophezeiten. Und sie schienen recht zu behalten. Das Genre des Adventure galt als tot, ähnlich wie heute Weltraum-Flugsimulationen. Zwar gab es vereinzelte Lichtblicke, aber LucasArts hatte sich komplett aus dem Geschäft der Abenteuer zurück gezogen und konzentrierte sich darauf, die Star Wars Kuh zu melken. Die Dürre dauerte bis 2009, als ein kleiner Entwickler, der schon LucasArts' Sam&Max wieder häppchenweise zum Leben erweckte, die Gemeinde mit der Nachricht über eine weitere Fortsetzung entzückte. Telltale Games sicherte sich die Rechte und brachte das neueste und bisher letzte Abenteuer in fünf Episoden heraus. Wie weit sich das 'Tales of Monkey Island' betitelte Spiel von der ursprünglichen Serie entfernt hatte unterstreicht schon die Tatsache, dass es offiziell nach einem fünften, nie erschienen Teil der Saga angesiedelt ist. Im Abstand von ungefähr sechs Wochen wurden die Folgen damals ausschließlich zum kostenpflichtigen Download (PC und Wii) und nur in englisch zum Kauf angeboten. Der Stil kehrte zu Point'n'Click zurück, die Umgebung blieb dreidimensional. Zwar kann man 'Tales of Monkey Island' als witziges Adventure beschreiben, den Flair aus alten Tagen vermisst man aber an allen Ecken und Enden. Viel bemängelt wurde auch die nun eher flachen Rätsel, genial-verdrehte aber immer logische Kopfnüsse suchte man vergebens. Dementsprechend verhalten war dann auch die Kritik der Fachpresse. Zwar bot der neue Teil neues Futter für alle MI-Fans, aber über das Mittelmaß kam keine der Episoden wirklich hinaus. Im November 2010 erschien dann schließlich doch noch eine komplett ins deutsche lokalisierte Version im Komplettpaket, für die erfreulicher weise wieder die alte Sprechercrew ins Studio geholt werden konnte. Man sagt alles kommt wieder, und Kult ist nicht tot zu kriegen. Und so war es dann wieder LucasArts persönlich, welches den Klassiker 'The Secret of Monkey Island' 2009 zu neuem Glanz verhalf. Die Grafik wurde komplett neu gezeichnet, inklusive einer schwer diskutierten Schmalzlocke auf Guybrushs Haupt, und alle Dialoge in englisch vertont. Für die deutschen Untertitel wurde auf das Original von Boris Schneider-Johne zurück gegriffen. Neben dem PC ist es auch als Download für Apple iPhone / iPod touch verfügbar. Als Schmanckerl ist das Spiel jederzeit auf die Urfassung umschaltbar. Vom Erfolg beflügelt veröffentlichte LucasArts schon ein Jahr später die Special Edition von 'Monkey Island 2', aber nicht ohne die Grafik und Bedienführung nochmals zu überarbeiten und Guybrush von seiner seltsamen Mischung aus Powerlocke und Gothic-Vogelnest auf dem Kopf zu befreien. Spielhistorisch interessant ist auch der in manchen Szenen zuschaltbare Audiokommentar der damaligen Entwickler Ron Gilbert, Tim Schafer und Dave Grossman, die so manches aus dem Nähkästchen zu erzählen wissen. Leider wurde darauf verzichtet die bekannte deutsche Übersetzung zu verwenden, statt dessen bekommt der Spieler eine Neuinterpretation vorgesetzt, die an vielen Stellen den Wortwitz aus vergangener Zeit vermissen lässt.
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