Artikel (Review)
Red Dead Redemption
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Review: PS3 / Xbox 360 (getestet)
Rockstar reitet in den Sonnenuntergang: In “Red Dead Redemption” verlagern die “GTA”-Macher das bewährte Spielprinzip in den Wilden Westen. Pferde statt Autos, Colts statt Kalaschnikows, ansonsten aber genaus das, was man von einem Rockstar Game erwartet: eine in filmreifen Cut-Scenes erzählte Story, jede Menge abwechslungsreicher Haupt- und Nebenmissionen und vor allem eine riesige, lebendige, unglaublich detailverliebte Spielwelt, in der man sich frei bewegen und frei entscheiden kann, was man als nächstes tun möchte. Freiheit. Wenn man “Red Dead Redemption” mit einem Wort beschreiben müsste, wäre es Freiheit. Nicht nur, weil es ein Open-World-Game ist, wie sie nur Rockstar hinbekommt, sondern auch, weil das Motiv der Freiheit im Western eine wichtige Rolle spielt. Zum einen ist nämlich die Frontier im amerikanische Gründungsmythos – und im Film, der diesem Mythos seit einem Jahrhundert in bewegten (und oft verklärten) Bildern ein Gesicht gibt – ein Ort der grenzenlosen Freiheit. Der Western lebt von Landschaftsaufnahmen, die immer auch einen Neuanfang in dieser schier unendlichen Weite verheißen. Wenn der Held in den Sonnenuntergang reitet, steht das immer auch dafür, dass er im Westen alles hinter sich lassen kann, und damit für die Freiheit, dem der Frontier immanenten Konflikt zwischen Wildnis und Zivilistaion für eine Weile den Rücken zu kehren. Zum anderen geht es im Spätwestern auch oft um den Konflikt zwischen individueller Freiheit und staatlicher Einflussnahme – und genau hier setzt Rockstar Games mit “Red Dead Redemption” an. Unforgiven In “Red Dead Redemption” schlüpft der Spieler in die Rolle von John Marston, einem ehemaligen Outlaw, der sich inzwischen mit seiner Familie niedergelassen und das Schießeisen an den Nagel gehängt hat. Wir schreiben das Jahr 1911, und die Cowboys und Frontiersmen, die einst den Westen der USA nach ihren Regeln formten, gehören der Vergangenheit an. Doch John Marston wird von seiner Vergangenheit eingeholt, als Beamte einer neu gegründeten nationalen Polizeieinheit seine Frau und seinen Sohn entführen und ihn zwingen, seine ehemaligen Bandenmitglieder zur Strecke zu bringen. ![]() Die Suche nach seiner ehemaligen “Posse” führt John durch drei weitläufige Gebiete, die man als Spieler nach und nach freischaltet. Das erste, New Austin, bestehend aus den vier Countys Hennigan´s Stead, Cholla Springs, Gaptooth Ridge und Rio Bravo, erinnert an typische Western-Staaten wie Wyoming (wegen der Berge, die den Blick am Horizont dann doch immer begrenzen) oder Texas (weil im Süden des Gebiets der San Luis River die Grenze zu Mexico bildet). Die größte Siedlung in New Austin ist Armadillo, eine typische Frontier-Stadt, die aus einer einzigen Hauptstraße besteht und geprägt ist von den hölzernen Fassaden der obligatorischen Gebäude: ein Saloon, ein paar Händler, das Sheriff´s Office, ein Sargmacher, eine Postkutschenstation und der Bahnhof. Die Eisenbahn, die den wilden Westen mit dem fortschrittlichen Osten der USA verbindet, ist auch in “Red Dead Redemption” das manifestierte Symbol der Zivilisation, deren Regeln gnadenlos in die Frontier vordringen. Im weiteren Spielverlauf ist man zunächst jenseits des San Luis River im Norden von Mexico unterwegs und erkundet die drei zusammenhängenden Bezirke Perdido, Punta Orgullo und Diez Coronas. Dorthin hat Rockstar eine Gegend verlagert, die durch den Regisseur John Ford zum Inbegriff der Western-Landschaft wurde: das Monument Valley, das eigentlich zwischen den US-Bundesstaaten Utah und Arizona liegt. ![]() Gegen Ende des Spiels kommt dann noch ein dritter Abschnitt hinzu, es geht wieder in den Norden. West Elizabeth besteht aus den Gebieten Tall Trees und den Great Plains – beides “telling names”, denn einmal haben wir es mit einem bergigen und ganz im Norden sogar verschneiten Wald zu tun, während die Great Plains die weitläufige Prärie darstellen, wie man sie aus zahlreichen Western kennt. Leider sind ausgerechnet die Great Plains ein verhältnismäßig kleines Areal, aber irgendwo muss nunmal jeder virtuelle Raum begrenzt sein. Entschädigt wird man durch die Büffelherden, die man hier erstmals zu Gesicht bekommt, und durch die Stadt Blackwater, die ganz im Nordosten der Spielwelt liegt. Dort zeigt sich deutlich, dass “Red Dead Redemption” 1911 spielt, denn Blackwater ist eine moderne Stadt mit gepflasterten Straßen, in der man sogar die ersten Autos zu sehen bekommt – nur selbst fahren darf man damit nicht. All the Pretty Horses Aber wer braucht schon ein – zu dieser Zeit noch extrem langsames – Auto, wenn er ein Pferd hat. Mit dem Reiten verbringt man viel Zeit in “Red Dead Redemption”, und Rockstar hat sowohl die Animationen als auch die Steuerung der Pferde beeindruckend umgesetzt. Im Schritt steuert sich ein Pferd – genau wie John Marston zu Fuß – mit dem linken Analogstick. Mit dem A-Button gibt man dem Gaul die Sporen. Drückt man einmal A, trabt das Pferd langsam los, drückt man den Button mehrmals, steigert sich die Geschwindigkeit bis zu einem rasanten Galopp. Allerdings muss man immer die Ausdauer des Tieres im Auge haben, denn wer sein Pferd zu sehr tritt, wird irgendwann abgeworfen. Über 20 verschiedene Pferderassen gibt es in “Red Dead Redemption”, die nicht nur unterschiedlich aussehen, sondern sich auch in Ausdauer und Geschwindigkeit unterscheiden. Alle Rassen kommen in der weitläufigen Welt auch als Wildpferde vor. Mit dem Lasso kann John sie einfangen, um sie anschließed in einem Geschicklichkeitsspiel zuzureiten. Erst wenn er ein Pferd einmal “gebrochen” hat, kann er es fortan auch in beim Händler kaufen. Die Urkunden, die man dort erwirbt, bleiben im Inventar und können jederzeit verwendet werden, um das Pferd zu wechseln. Dann genügt ein Pfiff, und der Gaul kommt zu John galoppiert. Alternativ kann man immer ein Pferd an speziellen “Parkplätzen”, den so genannten “hitching posts”, abspeichern. Wenn man ein Pferd dort festbindet, legt das Spiel automatisch ein Savegame an. ![]() Sehr schön gelöst ist das Reiten mit einem Begleiter. Immer wieder kommt es vor, dass man während einer Mission gemeinsam mit einem NPC zum nächsten Einsatzort reiten muss. Wenn man hierbei den A-Button gedrückt hält, passt sich die eigene Geschwindigkeit der des Begleiters an, so dass man neben ihm herreiten und sich ein wenig mit ihm unterhalten kann – die Dialoge, die man dabei zu hören bekommt, stehen denen in den Cut Scenes des Spiels in nichts nach. Nicht selten nimmt John während einer Mission auch auf dem Beifahrersitz einer Kutsche Platz. Wer sich schon immer gewundert hat, warum man in den USA “shotgun” ruft, um bei einer Autofahrt vorne sitzen zu dürfen: der Platz neben dem Fahrer einer Kutsche war wohl traditionell für den Mann mit dem Schießgewehr reserviert. Auch John kann, während der NPC die Kutsche steuert, jederzeit die Wafe ziehen, zielen und auf etwaige Angreifer feuern. Tut er das nicht, läuft die Reise wie eine Cut Scene ab, während der man in aller Ruhe die Landschaft bewundern und den Dialogen lauschen kann, die sich aber auch – ähnlich wie die Taxifahrten in “GTA IV” – per Knopfdruck abbrechen lassen. ![]() Damit hat Rockstar nicht nur ganz nebenbei die interaktive Cut Scene erfunden, sondern auch eine Möglichkeit gefunden, die Wege, die man vor den meisten Missionen zurücklegt, extrem kurzweilig zu gestalten. Wobei man in “Red Dead Redemption” die Missionen ohnehin nicht mehrmals spielen muss, denn das Spiel speichert den Fortschritt an fair gesetzten Checkpoints ab. Wer das Zeitliche segnet, macht mitten in den Missionen weiter, statt wie bei den “GTA”-Spielen nochmal zum Auftraggeber zu fahren und ganz von vorne anzufangen. The Good, the Bad and the Ugly Insgesamt gibt es circa 60 Hauptmissionen im Spiel. Wie gewohnt zeigt ein Icon auf der Karte die Position des nächsten Questgebers an; gibt es mehr als einen, kann man sich frei entscheiden, in welcher Reihenfolge man die Missionen angeht. Und bevor die beginnen, gibt es natürlich eine Cut Scene. Die Filmsequenzen, in denen Rockstar die Story vorantreibt, sind wie immer hervorragend inszeniert. John Marston lernen wir so als typischen Rockstar-Protagonisten kennen – irgendwie waren die doch alle Cowboys. Er ist ein harter Kerl mit großem Herzen, wortkarg, direkt, ehrlich und sehr sympathisch. Und wie es sich für ein Rockstar Game gehört, begegnet John wieder den verschiedensten Charakteren: ebenso sympathischen wie der Ranchbesitzerin Bonnie MacFarlane, aber auch skurrilen Typen wie einem kokainsüchtigen Yale-Professor oder einem mexikanischen Revoluzzer, der alles andere als das Wohlergehen der einfachen Bevölkerung im Sinn hat. ![]() Mit “Red Dead Redemption” erweitert Rockstar in grandioser Manier die Parallel-USA, die das Studio in den “GTA”-Spielen, aber auch in “Bully” entworfen hat. Dieses virtuelle Land, von dem wir bereits die Metropolen Liberty City, Vice City, Los Santos, San Fierro und Las Venturas sowie das kleine Städtchen Bullworth kennen, hat jetzt auch eine Vergangenheit. Für eine Handvoll Dollar “Red Dead Redemption” ist ein großartiges Spiel, von der Intro-Cut-Scene, die direkt in die erste Mission übergeht, bis zu einem der besten Enden, die ein Videospiel je hatte – und ohne zuviel zu verraten sei gesagt, dass das Spiel erst zu Ende ist, wenn die Credits ablaufen. Rockstar transportiert dabei nicht nur gekonnt Wild-West-Atmosphäre vom Allerfeinsten, sondern verpasst dem Spiel durch die abwechslungsreichen Missionen auch eine ganz eigene Dynamik. “Red Dead Redemption” beginnt mit einem absolut offenen Einstieg und einer überraschenden Storywendung, noch bevor man den ersten Schuss abgefeuert hat. Es bringt einem anschließend ganz behutsam die Grundlagen bei, während man in den ersten Missionen Pferde zureitet oder Kühe auf die Weide treibt. Alles ganz langsam, wie sich das für einen guten Western gehört. Man bemerkt, dass die Tiere auf die Anwesenheit der Spielfigur reagieren und sich so gezielt in eine Richtung treiben lassen. Man lernt reiten. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie lange ein Tag dauert, um irgendwann am Sonnenstand die Uhrzeit einschätzen zu können. Man stellt fest, dass man die NPCs, die die Welt bevölkern, grüßen kann. Man genießt seine ersten Panoramen und realisiert langsam, wie riesig und wunderschön, abwechslungsreich und detailverliebt diese Welt ist. ![]() Und dass sie abseits der Hauptmissionen ungalublich viel zu bieten hat. “Red Dead Redemption” ist allerbeste Unterhaltung, von der ersten bis zur letzten Minute – wieviel Zeit dazwischen liegt, hängt allerdings ganz vom Spieler ab. Allein schon, ob man die Wege selbst reitend zurücklegt oder regelmäßig auf die Schnellreisefunktion zurückgreift, macht viel aus. Um vom Nordosten der Welt bis in den Südwesten zu reiten, benötigt man im vollen Galopp ungefähr zehn Minuten. Viel von der Landschaft sieht man dann allerdings nicht, denn so ein Pferd kann ganz schön schnell werden. Außerdem muss man sämtliche Zufallsbegegnungen links liegen lassen. Immer wieder trifft man beispielsweise gestrandete Reisende, die in die nächste Stadt gebracht werden wollen – oder einem das Pferd klauen, sobald man anhält, um sie aufsitzen zu lassen. Man wird Zeuge eines Raubüberfalls auf eine Kutsche, hört plötzlich die Hilferufe einer Person, die von wilden Tieren angegriffen wird, oder begenet einem verzweifelten Mann, dessen Frau gerade gehängt werden soll. Ob und wie man auf diese Zufallsbegegnungen reagiert, bleibt allein dem Spieler überlassen. Irgendwo zwischen den Hauptmissionen und den Zufallsbegegnungen liegen die etwa 20 “Strangers”, denen man in der Welt begegnen kann. Jeder von ihnen besitzt eine eigene Questreihe, die man – sobald man die Personen einmal gefunden hat – jederzeit fortsetzen kann. Auf einem Hochplateau in Mexico etwa trifft man einen Mann, der an einer Flugmaschine arbeitet. Er beauftragt John, ihm ein paar Materialien zu beschaffen, die er für die Fertigstellung benötigt. Wieviel Zeit man sich lässt, diese zu sammlen, spielt keine Rolle, man kann jederzeit zu ihm zurückkehren und zusehen, wie sich die Geschichte weiterentwickelt. In den Städten, Dörfern und Ranches von West Elizabeth bis Mexico kann man außerdem Jobs als Nachtwächter annehmen, Pferde zureiten oder als Kopfgeldjäger seine Dollars verdienen. Das Geld investiert man bei Händlern in neue Waffen oder Munition, oder man verkauft den Händlern Felle und Fleisch von erlegten Tieren. An die 30 Tierarten – die Pferde nicht mitgezählt – bevölkern die Wildnis, vom Stinktier über Wölfe und Bären bis zu verschiedenen Vögeln. Es spricht also nichts gegen einen kleinen Jagdausflug, um seine Finanzen ein wenig aufzubessern. Außerdem gibt es vier zehnstufige “Challenges”, die sich mitunter über die gesamte Spielzeit erstrecken können. Eine davon verlangt vom Spieler, eine bestimmte Anzahl Tiere zu jagen, in einer anderen muss man die richtigen Kräuter sammeln. Die Scharfschützen-Challange stellt einem Aufgaben wie etwa zwei Gegnern die Hüte vom Kopf zu schießen, und die Schatzsucher-Challange schließlich schickt einen auf die Suche nach zehn speziellen Orten, an denen es einen wertvollen Goldbarren zu finden gibt. Das einzge Hilfsmittel ist eine Schatzkarte mit der Zeichnung eines markanten Ortes. Dass man diese Orte anhand einer Zeichnung tatsächlich auch wiedererkennt, spricht dafür, wie unverwechselbar die einzelnen Gebiete in “Red Dead Redemption” gestaltet sind. Wer alle vier Challenges abgeschlossen hat, darf sich fortan “Legend of the West” nenen und auch ein spezielles Outfit tragen. Insgesamt gibt es über ein Dutzend verschiedener Outfits für John Marston, die teilweise ganz einfach freigeschaltet werden, sobald man ein neues Gebiet erreicht oder eine Mission abgeschlossen hat, für die man aber manchmal auch mehrere Aufgaben erfüllen muss – oder sogar das Spiel zu 100 Prozent absolvieren. Wem das alles noch immer nicht genügt, der kann sich stundenlang mit sechs verschiedenen Minispielen beschäftigen. Allein das Pokern ist eine vollwertige Texas Hold´em-Simulation, die sich nahtlos in den Rest des Spiels einfügt. Mit “Red Dead Redemption” hat Rockstar wieder zum Sandbox-Gameplay eines “GTA: San Andreas” zurückgefunden, dass sie bei “GTA IV” ja ein wenig aus den Augen verloren hatten. The Wild Bunch Natürlich kann es keinen Western ohne Duelle und Schießereien geben. Während die Duelle ebenfalls als Event außerhalb der normalen Spielumgebung und -mechanik inszeniert werden, eingeleitet von einer Cut Scene, fügen sich die Schießereien hervorragend in das Spiel ein. John zieht mit der einen Schultertaste die Waffe und schießt mit der anderen. Er kann jederzeit Deckung suchen und bei Bedarf auch in den so genannten Dead-Eye-Modus wechseln. Dann läuft alles um ihn herum in Zeitlupe, währendessen der Spieler mehrere Ziele markieren kann. Verlässt man den Dead-Eye-Modus wieder, feuert John Schüsse auf die markierten Ziele ab. Sehr effektiv. ![]() Und sehr schön anzusehen. Die Zeitlupe kann nämlich auch zweckentfremdet werden, um sich beispielsweise die unglaublich authentischen Bewegungen der Tiere genau anzusehen. Hier zeigt sich, auf welch hohem technischen Niveau “Red Dead Redemption” programmiert wurde. Die Animationen der Spielfiguren, die Texturen der Landschaft, die Weitsicht und die Lichtstimmungen, wenn man – wie sich das für einen Cowboy gehört – in den Sonnenuntergang reitet, suchen Ihresgleichen. Auch akustisch hat das Spiel einiges zu bieten. Die satten Klänge der Waffen, die unterschiedlichen Geräusche, die die Hufe des Pferdes machen, je nachdem, ob es über die Prärie oder ein Holzbrücke reitet, die Stimmen der NPCs und nicht zuletzt der Soundtrack: all das fügt sich, zusammen mit der Optik, zu einem beeindruckenden Gesamterlebnis. Es gibt vielleicht noch ein anderes Wort außer Freiheit, mit dem man “Red Dead Redemption” beschreiben könnte: ein Meisterwerk.
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